Gute Gedanken angesichts Corona


Dieser Sonntag erinnert an den „Guten Hirten“ und seine Barmherzigkeit. Aber die Erinnerung fällt schwer in dieser Zeit. Hat der „Gute Hirte“ etwa ausgedient wie auf dem Bild? 

Das Bild zeigt einen Druck, wie ich ihn häufig in Schlafräumen gesehen habe: Einschlafen unter dem guten Hirten. Die Darstellung könnte ausgedient haben, reif für den Sperrmüll sein in heutiger Zeit. Gilt das auch jetzt für Jesus als den guten Hirten in dieser Zeit der Krise? Ich lasse das Bild auf mich wirken:

Auf dem Bild sitzt Jesus ganz unbeteiligt von allem am Rande einer Schafherde, ein Lamm auf seinem Schoß haltend. Ein Schaf hat sich ihm vertrauensvoll genähert.

Ich denke an ein Lied zum Bild. Es heißt in seiner ersten von drei Strophen:

Weil ich Jesu Schäflein bin,

freu‘ ich mich nur immerhin

über meinen guten Hirten,

der mich wohl weiß zu bewirten,

der mich liebet, der mich kennt

und bei meinem Namen nennt.

 Gedichtet wurde das christliche Kinderlied von der Diakonisse Henriette Maria Luise von Hayn (1724–1782), die 1766 nach Herrenhut in die Oberlausitz kam, wo sie dann 16 Jahre als Leiterin des Ledigen-Schwestern-Hauses der Muttergemeinde der Brüder-Unität verbrachte. Henriette Maria Luise von Hayn starb dort 1782 mit 58 Jahren. Zwei Jahre nach ihrem Tod schrieb der deutsche Kirchenmusiker Christian Gregor (1723–1801) die Melodie zum dreistrophigen Gedicht der Diakonisse.

Das Lied drückt aus, was Menschen sich ersehnen und das Bild zeigt: Vollkommene Geborgenheit. Bei Andachten in Seniorenheimen kann ich immer wieder erleben, wie Tränen fließen, wenn dieses Lied gesungen wird. Dort empfinden Menschen, dass ihr Wohnen auf Er-den zu Ende geht, aber die Wohnungen im Himmel noch kaum vorstellbar sind. Auch in der gegenwärtigen Einsamkeit, die sich durch die verordnete Quarantäne zu Corona-Zeiten so häufig ergibt, sehnen sich Menschen nach Geborgenheit durch den, der von sich sagt: „Ich bin der gute Hirte. Und der gute Hirte kennt seine Schafen und seine Schafe kennen ihn.“ 

Diese Worte Jesu beinhalten aber auch eine Trennung: Wer Jesus nicht kennt, ist ausgegrenzt. Aber diese Ausgrenzung ist nicht unveränderlich. Wer ihn kennt, sich zu ihm bekennt, der kann bei ihm Geborgenheit finden. 

Aber Jesus ist nicht nur der Sanftmütige wie auf dem Bild. Er kann auch sehr deutlich reden, klare Kante zeigen. Das tut er z. B. in der Bergpredigt, wo er deutlich den Mund aufmacht und Klartext spricht. Da finde ich radikale Weisungen wie diese: „Wenn dich jemand auf deine rechte Backe schlägt, dem biete die andere auch dar“ oder „Gib dem, der dich bittet, und wende dich nicht ab von dem, der etwas von dir borgen will“, aber auch ermutigende Worte wie diese: „Ihr seid das Salz der Erde“, „Ihr seid das Licht der Welt“ oder „Glücklich sind, die Friedenstiften; denn sie werden Gottes Kinder heißen.“ Das hilft mir: da traut Jesus mir etwas zu und gibt mir Orientierung. Ich kann ihm vertrauen, ich kann auch seinen Worten vertrauen. Das drücken für mich auch die Schafe aus – nicht willenlos, sondern vertrauensvoll sind sie.

Es ist der gleiche Hirte – der schweigende, streichelnde mit dem Schäfchen im Arm – und der Klartext sprechende. Wir können uns nicht den Heiland aussuchen, den wir gerne hätten; wir sollen auch immer die andere Seite mit bedenken. Wir dürfen uns bei Jesus geborgen fühlen wie Schafe bei ihrem Hirten und aus dieser Geborgenheit heraus die Kraft, nach seinem Willen unser Leben zu gestalten. 

Detlef Küllmer, angeregt durch Gedanken von Michael Becker.